APASSIONATA und der Doppelblick des Reiters

Zum nun dritten Jahr in Folge habe ich gestern mit meiner Tante und meinem Onkel die Apassionata Show in der Barclaycard Arena in Hamburg besucht. Das erste Mal haben die beiden mir den Besuch zu Weihnachten geschenkt und ich konnte mich zunächst nicht so recht freuen. Grund dafür war ein Versprechen, welches mein 10-jähriges ich im Portugalurlaub gegeben hatte. Ich hatte dort mit meinen Eltern einen Zirkus besucht und den restlichen Abend weinend verbracht, weil ich so erschüttert über den schlechten Ernährungszustand der Tiere war. An dem Tag habe ich mir geschworen, dass ich keine dieser Veranstaltungen bei denen Tiere in viel zu kleinen Käfigen gehalten und gegebenenfalls stark unterernährt sind, unterstützen werde.

Nun ist Apassionata offensichtlich kein Zirkus. Dennoch fühlte ich mich an das Erlebnis von damals erinnert. Ich ging also eher skeptisch und mit gut geputzter Brille hin. Wir haben immer super Plätze – direkt unten um das große Viereck gibt es einige runde, fein gedeckte Tische. Im Kartenpreis enthalten sind ein Begrüßungssekt, außergewöhnliche und ausgezeichnete Häppchen in der Pause und ein weiteres Getränk (Wein, Bier oder Softgetränk). Ich muss ehrlich sagen, das Drumherum macht das ganze zusätzlich zu einem so besonderen Erlebnis, dass ich mir andere Karten gar nicht mehr kaufen würde. Lieber würde ich ein Jahr aussetzen. Jedenfalls sitzen wir also immer direkt vor dem Showring und haben uneingeschränkte und beste Sicht. Beim ersten Mal habe ich verbissen nach Fehlern gesucht: Abgeriebene Stellen durch die Sporen, grobe Einwirkung des Reiters, einen schlechten Allgemeinzustand der Pferde. Ich konnte keinen dieser Mängel feststellen und war fast enttäuscht.

Apassionata DL

Die Pferde sind top ernährt, enorm bemuskelt (ich wünschte Ani wäre nur halb so ein Paket wie die Pferde dort) und haben ausnahmslos gepflegtes und glänzendes Fell. Ja, viele Reiter nutzen scharfe Gebisse und Sporen, so dass dem ein oder anderen Wendy- bzw. Ostwindreiter die Ohren schlackern mögen. Einen Missbrauch dieser konnte ich aber von meinem Platz wirklich nicht erkennen. Ja, das ein oder andere Pferd lief auch deutlich hinter der Senkrechten – hierzu gebe ich aber zu bedenken, dass es sich ausnahmslos um Spezialrassen wie z. B. Spanier handelte, die einen ganz anderen Körperbau und eine andere Bemuskelung aufweisen als unsere klassischen sportlichen Warmblutpferde.

Etwas was mir gestern zum ersten Mal aufgefallen ist waren Mistflecken an Schimmeln und Schecken. Fand ich einfach super sympathisch! Ist doch schön wenn die Pferde liegen, dann scheinen sie sich doch wohl zu fühlen. Und auch wenn beispielsweise mal eines der drei Pferde gerade keinen Bock hat zu steigen oder ein Pferd mal für eine Runde aus der Herde ausbüxt, stört mich das überhaupt nicht. Es sind eben Tiere und dafür schätzen wir sie.

Was in der Abreitehalle oder beim Training passiert, dass weiß ich nicht. Ebenso wenig kann ich etwas zur Haltung in den Stallzelten oder den Bedingungen während des Reisens zwischen den Städten sagen. Aber Apassionata scheint um Transparenz auch hinter den Kulissen sehr bemüht zu sein: zum einen meine ich, dass man Stallführungen vor der Show buchen kann und zum anderen könnt ihr auf den YouTube-Kanälen der beiden Reitsportblogger Anja Mertens und Harriet Charlotte Jensen Eindrücke von den Showvorbereitungen und sogar den Zwischenställen gewinnen.

Apassionata GM

Nichts desto trotz schaue ich weiterhin nach der Ausrüstung, der Einwirkung des Reiters und dem Ausführen der gerittenen Lektionen. Ich bin eben Reiter. Viele Besucher im Publikum bei Apassionata sind genau dies aber nicht. Die Show spricht ein so breites Publikum an, dass eben auch Nicht-Reiter gern die Show ansehen. Jedes Mal wieder sitze ich auf meinem Platz und denke darüber nach, dass diese vollkommen unvoreingenommen die tolle Show genießen, während bei uns Reitern das Hirn auf Hochtouren läuft.

Die aktuelle Show heißt „APASSIONATA – Gefährten des Lichts“ und ist eine hübsch verpackte Gesellschaftskritik die auf die Gefahr aufmerksam machen will, dass die Menschheit sich immer mehr in Richtung Egoismus und Kälte entwickelt. Die Hauptdarstellerin „Alana“ strebt nach Werten wie Großzügigkeit, Geduld, Mut, Freude & Liebe und animiert die Zuschauer es ihr gleich zu tun. Die Kostüme sind wie jedes Jahr wunderschön und beeindruckend und es fällt mir immer wieder schwer mich für ein „Lieblings Showelement“ zu entscheiden. Müsste ich aber, wären es jedes Jahr wieder die verrückten Jungs & Mädels der „Hasta Luego Equipe Academy“ die in einem Affenzahn in den Ring geschossen kommen und in wildem Galopp auf einem Zirkel ziemlich waghalsige Stunts aufführen. Das ist so mitreißend dass ich, die schon in einem E-Springen durchgängig die Luft anhält, so Bock hat dass sie am liebsten einen der Kerle vom Pferd zerren und sich selber raufschwingen würde – wohl wissend dass ich in der ersten Ecke im Dreck läge auf Grund mangelnder Kraft und Körperspannung.

Nur von einer Sache bin ich jedes Jahr wieder enttäuscht: der Klatsch-Faulheilt des deutschen Publikums. Die Aufführungen stellen extreme Anforderungen an den Schausteller und/oder das Pferd; kaum lösbare Aufgaben werden gemeistert und der Applaus ist nicht ansatzweise equally rewarding. Das tut mir immer unheimlich leid für das gesamte Team. Just know you have my fullest appreciation!

Apassionata Sunset

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